Abschiedsinterview mit Pfarrer Peter Ceglarek

„Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast“

Am Sonntag liest Peter Ceglarek, seit dem 11. Oktober 1992 Leitender Pfarrer der Pfarrgemeinde St. Georg, seine letzte Messe in dieser Funktion. Im Alter von 68 Jahren geht er als Emeritus in den Ruhestand. Wir sprachen mit ihm über die Vergangenheit, Ökumene und Taizé, die Zukunft der Kirche im Großen und in Saerbeck.
Ihre früheste Erinnerung an die Pfarrgemeinde St. Georg – was haben Sie da vor dem inneren Auge?
Peter Ceglarek: Das Gespräch mit dem Personalchef, der mir sagte, dass in Saerbeck eine Stelle frei würde und mich bat, mit meinem Vorgänger, Pastor Vissing, Kontakt aufzunehmen, ob es nicht eine Möglichkeit wäre, mich auf diese Stelle zu bewerben. Dann riet er mir: Nehmen sie keinen Kontakt mit dem anderen Seelsorge-Personal auf. Nun, seine erste Bitte habe ich erfüllt, seine zweite jedoch ignoriert und den Pastoralreferenten Werner Heckmann angerufen. Der hat mit dem damaligen Vorsitzenden des Pfarrgemeinderates Alfons Sundermann gesprochen. Wir haben uns schließlich in einem Restaurant getroffen, beschnuppert und Erwartungen ausgetauscht.

Sie sind gelernter Sparkassen-Betriebswirt. Wie sind Sie darauf gekommen, die Priesterweihe anzustreben?
Peter Ceglarek: Das war 1976, als ich über die ökumenische Brudergemeinschaft von Taizé gestolpert bin. Ich habe für mich eine innere Unruhe gespürt: Ist Bank wirklich das, was ich bis zu meinem Lebensende machen möchte? Und da war noch der Wunsch, einem Kindheitstraum nachzugehen. Ich war unheimlich gerne Messdiener und war in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv. Das waren Elemente, die mich geprägt haben. Dann hatte ich viele Jahre nicht mehr damit zu tun. Durch Bernhard Lübbering, damals Stadtjugend-Seelsorger in meiner Heimatstadt Recklinghausen, und in der Begegnung mit anderen Kaplänen bin ich für mich auf diesen Weg neu aufmerksam geworden.

Als Sie vor 35 Jahren im Paulus-Dom zum Priester geweiht wurden, waren Sie einer von 20. Heutzutage ist eine Handvoll Kandidaten schon viel, weit mehr Ihrer Kollegen gehen in den Ruhestand. Wo liegt da hierzulande die Zukunft der katholischen Kirche?
Peter Ceglarek: Eine gute Frage. Zwei Kandidaten sind in diesem Jahr zu Priestern geweiht worden. Seit vielen Jahrzehnten geht die Zahl der Priesteramtskandidaten zurück. Für mich wäre dringend notwendig, die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt neu zu bedenken und zu verändern. Sicherlich lösen sich dadurch nicht alle Probleme, denn auch in den Schwesterkirchen gibt es Nachwuchsprobleme. Im Hinblick auf viele aktive Mitarbeiterinnen in der Katholischen Frauengemeinschaft und die Frauenbewegung „Maria 2.0“ muss die Rolle der Frau in der katholischen Kirche dringend zeitnah neu bedacht werden. Ja, ich würde mir einen „Ruck in der Hierarchie“ wünschen, dass der Reformstau endlich angegangen und u.a. neue Erkenntnisse der Bibel-Exegese in der kirchlichen Praxis Raum finden und in der Gesamtkirche Veränderungen bewirken.

Ihre Verbundenheit mit der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé ist in St. Georg in ungezählten Liedauswahlen für Gottesdienste dokumentiert. Wie hat Taizé Ihre Entwicklung und Ihr Handeln als Pfarrer beeinflusst?
Peter Ceglarek (schmunzelt): Nicht nur in der Liedauswahl sind für mich Worte und Taten aus Taizé wichtig geworden. Beeinflusst hat mich die Ökumenische Gemeinschaft zunächst einmal als Mensch. Vom Gründer Frère Roger Schutz stammt das Wort: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast – und sei es auch ganz wenig.“ Als ich 1976, noch als Sparkassen-Betriebswirt, das erste Mal nach Taizé kam, habe ich gelernt, Glauben und Leben gehören zusammen, also: Lebe die täglichen Aufgaben aus der Kraftquelle der Liebe Gottes. Das hat mein Denken, mein Sprechen und mein Handeln geprägt – bis heute.

Ein ebenso großes Anliegen war Ihnen die Ökumene, das Miteinander von evangelischen und katholischen Christen. Ist das heute eigentlich überhaupt noch ein Thema?
Peter Ceglarek: Ich erlebe, dass es für viele Menschen kein Thema (mehr) ist. Unterschiede zwischen den einzelnen Konfessionen sind vielen unbekannt. Viele Christen wünschen sich eine Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Daran gilt es für mich mitzuarbeiten.

Viele Menschen haben Leitsätze oder ein Lebensmotto – Sie auch?
Peter Ceglarek: Grund-Sätze Jesu im Johannesevangelium sind mir wichtige Leitworte: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“ und „Ich bin gekommen, dass sie Freude haben und sie in Fülle haben“. Dieses Leben, diese Freude, in einer tiefen Form verstanden, das gehört für Jesus zusammen. Dann der wunderbare Satz des Apostels Paulus an seine Gemeinde in Korinth: „Wo die Geistkraft Gottes wirkt, da ist Freiheit“. Eine für ihn wesentliche Erkenntnis, mit der ich auch mein Leben und meinen Glauben verbinden möchte. Zu meiner Priesterweihe vor 35 Jahren überschrieb ich meinen Dienst mit dem Lebensmotte: „Jesus Christus, unser Herr und Bruder, du bist Menschen geworden, den Menschen zu befreien“.

Sie sind die außergewöhnlich lange Zeit von fast 28 Jahren Leitender Pfarrer von St. Georg. Haben St. Georg und Saerbeck Sie mehr geprägt oder war es eher andersherum?
Peter Ceglarek: Als gebürtiger „Ruhrpöttler“ hätte ich mir vor 50 Jahren nicht vorstellen können, im schönen Münsterland Landpfarrer zu werden. Nach meiner „theologischen Ausbildung in der Praxis“ in Oelde und Münster, einem Diakonatsjahr in Haltern, während meiner Zeit als Kaplan u.a. in Kevelaer und Nordwalde hat mich die Aufgabe in Saerbeck gereizt. Die St. Georg Pfarrgemeinde ist heute mit 4.180 Mitgliedern eine überschaubare Gemeinde. Tradition und Kreativität sind gefragt. Ich hatte Freude daran, mit den verantwortlichen MitarbeiterInnen und Gremien zu überlegen, wie es gelingen kann, Glauben und Leben miteinander zu verknüpfen. Ich habe meine Jahre hier erlebt als gegenseitiges Geben und Nehmen, Prägen und Formenlassen.

Wir hat sich das Pfarrer-Sein verändert in dieser Zeit?
Peter Ceglarek: Ich habe im Laufe meiner fast 28 Jahre in Saerbeck erlebt, dass sich das Leitbild „Pfarrer“ stark verändert hat. Neben der Seelsorge für die Menschen kamen immer mehr organisatorische Aufgaben hinzu. Ich bin dankbar für alle aktiven Mitglieder der Gemeinde, die mit ihren Gaben und Fähigkeiten kräftig mit angepackt haben, die vielen Auf-Gaben anzugehen.

Welche Menschen bleiben Ihnen aus fast drei Jahrzehnten besonders in Erinnerung?
Peter Ceglarek: Unzählige… bekannte und unbekannte aus vielen Begegnungen, Gesprächen und Gottesdienstfeiern.

Was verbindet Ihren persönlichen Glauben mit dem Glauben, sagen wir mal, einer 18-jährigen Messdienerleiterin?
Peter Ceglarek: Eine schwierige Frage (überlegt). Vielleicht: Die Sehnsucht, dass es „mehr als alles“ geben muss, die Suche nach Leben durch Begegnung, Freundschaft, Liebe. – Und für mich die Erkenntnis: Die letzte Erfüllung einer solcher Suche und Sehnsucht hat sich jemand vorbehalten, den ich „Gott“, den „Ich bin da“ nenne.

Im Zeitraffer der letzten paar Jahre: Kirchturm saniert, danach die bröckelig gewordenen Schildwände, Umbau und Renovierung des Kirchen-Innenraums. Die erste Kita St. Marien renoviert, für die bislang provisorische zweite Kita Regenbogen bald ein Neubau. Wie erklären Sie eigentlich, dass Sie nicht der große Baumeister-Pfarrer sein wollen.
Peter Ceglarek (lacht): Die Frage gebe ich gerne weiter an all die Menschen, die mich erlebt haben: in der Gremien- und Gruppenarbeit, in den Vereinen und Verbänden, in den vielen bewusst gestalteten Gottesdiensten und Eucharistiefeiern im Alltag, an Sonn- und Feiertagen, in Tauffeiern, bei Trauungen und Jubiläumsfesten, Erstkommunionfeiern – auch bei Trauergottesdiensten und Beisetzungen.

Zwei Bestandteile des gerade umgestalteten Kirchenraums sind die Altarinsel in der Mitte der Gemeinde und das Projekt „GeistesGegenwart“. Welche Bedeutung haben diese Elemente für Sie?
Peter Ceglarek: Nun: Zunächst einmal gehört für mich der wunderschöne neugotische Hochaltar in St. Georg auch dazu. Ihn galt es zu respektieren, wertzuschätzen und aufzuwerten und in die Gestaltung der Neukonzeption miteinzubeziehen. Gemeinsam mit Architekt Andreas Holtfrerich, dem Künstler Mario Haunhorst, mit Denkmalbehörden und bischöflichen Kommissionen haben wir uns in den Gemeindegremien miteinander bemüht, in das Denken des Kirchenarchitekten Wilhelm Rincklake einzusteigen: Welche Gedanken hatte er bei dieser Wege-Kirche? Worauf kam es ihm an? Diese Elemente, die er als Erbauer vorgegeben hat, galt es zu berücksichtigen. Der neue Altar aus Ibbenbürener Sandstein stellt eine Ergänzung zum neugotischen Hochaltar dar und ist nun der Mittelpunkt unserer Gemeinde.
Ein zweiter Gedanke kam hinzu: Es ist die Kirche St. Georg für unsere Gemeinde in Saerbeck, nicht in Münster, Rom oder anderswo. Wie kann das für uns heute verdeutlicht werden: Es geht um die Renovierung UNSERER Pfarrkirche, die von Saerbecker Vorfahren gebaut wurde. Dafür ist das „Projekt GeistesGegenwart“ da, das wir gemeinsam mit dem Künstler Mario Haunhorst entwickelt haben. Ich würde mich freuen, wenn nun aus der Gemeinde Glaubenszeugnisse kommen, die in das „leuchtende Schaufenster unseres Glaubens“ hineingelegt werden und zeigen: „Das ist unsere St. Georg-Gemeinde, zu der wir gehören“.

In Ihren letzten Wochen als leitender Pfarrer hat die Corona-Krise auch das kirchliche Leben stark beeinflusst. Man sagt ja, Corona zeige wie unter einem Brennglas, was gut funktioniert und was weniger gut. Was haben Sie in St. Georg durch dieses Brennglas gesehen?
Peter Ceglarek: Dass es angesichts unserer aktuellen kirchlichen Situation wichtig ist, nicht nur auf die hauptamtlichen SeelsorgerInnen zu sehen, sondern gemeinsam mit ihnen neue Formen eines miteinander Lebens und Dienens in der Nachfolge Jesu zu entwickeln. In Saerbeck wie in der Gesamtkirche müssen wir eine neue Form von Offenheit und Kreativität, Vertrauen und Zuversicht entwickeln.

Wie beschreiben Sie die Pfarrgemeinde, die Sie bald hinterlassen?
Peter Ceglarek: In unserer Gemeinde dürfen wir stolz darauf sein, eine lebendige Gemeinschaft von Glaubenszeuginnen und –zeugen zu sein. Danke sage ich allen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Engagierten, die ihre Begabungen und Fähigkeiten zum Wohl der Menschen mit eingebracht haben, auch unter erschwerten Bedingungen der Kirchenumgestaltung und Renovierung, in dieser Zeit der Corona-Pandemie. Ich verlasse eine lebendige Pfarrgemeinde mit einer frisch renovierten Kirche, die geistvoll für die Zukunft aufgestellt ist und wünsche meinem, hoffentlich bald ernannten, Nachfolger und allen ehren- und hauptamtlich Engagierten Gottes Wegbegleitung und seinen Segen.

Wohin führt nun Ihr Weg? Und was macht eigentlich ein Emeritus?
Peter Ceglarek: Nach insgesamt 52 Arbeitsjahren, davon 42 Jahre im kirchlichen Dienst, gönne ich mir erst einmal eine Auszeit. Mit meinen 68 Jahren spüre ich deutlich meine Grenzen. Nach der Auszeit möchte ich gern mit den dann Verantwortlichen schauen, wo ich hilfreich begleiten kann, wo meine eingeschränkte Mitarbeit gebraucht wird. Dabei bleibt die Ökumene mir ein wichtiges Anliegen.

Wie man hört, ist kein Nachfolger in Sicht: Wie geht es, auch personell, weiter mit St. Georg?
Peter Ceglarek: Das ist eine Entscheidung, die das Bistum sich vorbehält. Definitive Aussagen dazu sind mir bislang nicht bekannt. Fest steht, dass zum 1. August Frau Anja Daut ihren Dienst als neue Pastoralreferentin in unserer Gemeinde antreten wird. Fest steht auch, dass Pastoralreferent Werner Heckmann im nächsten Jahr seinen Ruhestand plant. Gemeinsam mit Pfarrer Ramesh Chopparapu und dem Bistum werden die Gemeindegremien zu überlegen haben, wie es hier weitergeht. Allerdings sehe ich auch die Not der Kirche bei der Verteilung der wenigen Priester. Gemeinden werden lernen müssen, mehr Selbstständigkeit zu leben.

Was bedeutet Ihnen eigentlich ein Segen?
Peter Ceglarek: Zum einem die Zusage an Abraham – die im Ersten Testament überliefert ist – und die nach meinem Verständnis der Bibel jedem Menschen gilt, der Gott vertraut: „Ich will dich segnen“. Es tut gut, sich daran zu erinnern. Mit diesem Segen verbunden ist ein zweites Wort der Schrift, die Auf-Gabe: „Und du sollst ein Segen sein“.

Statt Geschenken: Kollekte und Spenden für Tauwerk und Ghana
Zum Abschied wünscht sich der scheidende Pfarrer keine persönlichen Geschenke. Er bittet um ein persönliches Wort oder kleines, symbolisches Glaubenszeugnis. Pfarrer Ceglarek würde sich freuen über Texte, Bilder oder Gegenstände, die im neuen „leuchtenden Fenster unseres Glaubens“ innerhalb des Projekts „GeistesGegenwart“ ihren Platz finden können. Kollekten und Geldspenden möchte er an diesem Wochenende dem Hospizdienst „Tauwerk“ der Franziskanerinnen in Berlin und dem Eine-Welt-Kreis St. Georg für Projekte in der Partnergemeinde St. Theresa in Ghana widmen.

DVD von der Abschiedsfeier kommt
Während des 10-Uhr-Gottesdienstes und der anschließenden Abschiedsfeier wird ein Video gedreht. Es ist demnächst kostenfrei auf DVD im Pfarrbüro erhältlich.

Alfred Riese